Don Airey über den Steinway Klang, die Suche nach Raum, Klavier vs. Orgel, das Vermächtnis von Deep Purple und sein Leben jenseits der Band

Von Ben Finane

Don Airey ist der derzeitige – und wahrscheinlich auch letzte – Keyboarder der Rockband Deep Purple, die sich gerade auf ihrer „The Long Goodbye Tour“ befindet. Die Band Deep Purple formierte sich im Jahr 1968, spielt heute in ihrer achten Bandbesetzung (auch „Mark 8“ genannt) und hat bis heute kollektiv zwanzig Studioalben veröffentlicht. Bevor er im Jahr 2001 zu Deep Purple kam, spielte Airey schon in legendären Bands wie Black Sabbath, ELO, Judas Priest, Jethro Tull und Whitesnake; dabei hatte er ursprünglich als Student der klassischen Musik angefangen. Airey, inzwischen ein Steinway Artist, war wegen eines Konzerts in der Stadt und nutzte den Aufenthalt für einen Rundgang durch die Steinway & Sons Fabrik in Hamburg, wo die Mitarbeiter in den Genuss eines spontanen Solokonzerts kamen. Am Abend danach spielte er mit Deep Purple in der Barclaycard Arena. In der Fabrik nahm Airey sich Zeit für ein Gespräch mit mir.

Don, du hast gerade einen Rundgang durch die Steinway Fabrik in Hamburg gemacht. Du bist schon seit deiner Kindheit stolzer Besitzer eines Steinways. Was ist das für ein Gefühl, jetzt einmal hinter die Kulissen seiner Herstellung zu blicken?

Zu sehen, wie er tatsächlich hergestellt wird, fühlt sich irgendwie an, wie nach Hause zu kommen. Man denkt auch immer darüber nach, wenn man darauf spielt. Mein Steinway wurde im Jahr 1895 gebaut. 2008 habe ich ihn komplett restaurieren lassen – die Saiten wurden erneuert, der Resonanzboden poliert und die Mechanik ausgetauscht. Ich dachte mir nur: „Wie schaffen die das eigentlich, eine komplett neue Mechanik einsetzen zu lassen?“ Nichts leichter als das. Es wurde einfach eine in New York bestellt und hier eingebaut. Es ist wirklich erstaunlich, dass man heute etwas mit neuen Materialien reparieren kann, was schon im vorletzten Jahrhundert hergestellt wurde. Aber das sagt ja auch einiges über dieses Unternehmen aus, und es wird einem bewusst, womit man es hier eigentlich zu tun hat: mit dem wohl schönsten Klang auf der ganzen Welt.

Du spielst auf akustischen Instrumenten, aber auch auf digitalen Keyboards. Wie unterscheidet sich dein Ansatz?
In gewisser Weise lässt es sich auf einem Steinway leichter spielen als auf einem Kurzweil PC3, denn die Stimmung und die Obertöne sind auf einem digitalen Klavier einfach nicht so ausgeprägt. Jim zeigte mir zum Beispiel gerade einige Doppelgriffe auf dem Steinway, die den Klang voller machen – so etwas bekommt man auf einem digitalen Klavier einfach nicht hin. Elektronische Keyboards sind gerade in meinem musikalischen Bereich nützlich, aber die Basis für meine Technik kommt stets vom Klavier. Meine Frau beschwert sich immer, dass ich nach einer Tour jedes Mal ein paar Tage verschwunden bin. Ich muss dann erst einmal wieder ankommen und spiele die Tonleitern auf dem Klavier rauf und runter, bevor ich mich wieder an richtige Melodien wage.

Jesse Carmichael von Maroon 5 sagte da etwas ganz Ähnliches: „Es verbindet mich physisch wieder mit zu Hause.“
Das stimmt wirklich, und ich erzähle dir dazu eine komische Geschichte über meinen Steinway: Wenn er jemanden mag, gibt er einen ganz bestimmten Geruch ab … Das denke ich mir wirklich nicht aus. Wenn meine Tochter manchmal auf ihm spielt – und mit ein bisschen mehr Übung wäre sie jetzt richtig gut –, dann liebt er sie einfach! Das Holz öffnet sich regelrecht – und das kann man riechen. Ganz ehrlich.

Heute hast du für die Mitarbeiter in der Fabrik ein bisschen Klassik, ein wenig Fats Waller und eine wunderbar fugierte Version von „Smoke on the Water“ gespielt. Du hast deine musikalischen Wurzeln in der Klassik und hast dich dann in Richtung Rock, Jazz und Blues bewegt. Kann man das so sagen?
Ich war schon als Teenager ganz verrückt nach Jazz und habe mich in den Trödelläden mit Platten eingedeckt. Die Entdeckung von Künstlern wie Bill Evans, Jimmy Smith und John Coltrane waren für mich eine echte Offenbarung! Ich kam aus dem Norden Englands, und wir hatten nicht den Zugriff auf die Medien wie heute. Alles war irgendwie mysteriös. Außerdem war das Radioprogramm in England damals einfach furchtbar – es wurde noch nicht einmal Pop gespielt, ganz zu schweigen von Jazz! Und wenn, dann kam er nur aus New Orleans, und das war’s. Ich wollte unbedingt ein klassischer Pianist werden, aber ich war einfach nicht gut genug. Man muss dafür einfach etwas ganz Besonderes haben, um so gut zu sein – und es dann auch zu schaffen. Das war schon ein bisschen beängstigend. Ich war an dem Punkt, wo ich meinen Abschluss gemacht und mein Diplom in der Tasche hatte und dachte: „Jetzt muss ich damit irgendwie meinen Lebensunterhalt verdienen!“ Und gerade in dem Moment klingelte das Telefon!

Und wer war dran?
Es war ein Agent aus London, und er sagte: „Ich habe gehört, dass eure Band richtig gut sein soll. Habt ihr Lust, drei Monate mit auf eine Kreuzfahrt zu kommen?“ Ich antwortete: „Das muss ich mir aber erst einmal gut überlegen.“ [Lacht schnaubend auf.] Nein, natürlich haben wir sofort zugesagt! Also packten wir unsere gesamte Ausrüstung in ein Auto, schifften uns in Southampton auf diesem Kreuzfahrtdampfer ein und fuhren um die ganze Welt – am Ende wurde ein ganzes Jahr daraus! Das war also mein Anfang, und er war einfach fantastisch.

I had an ambition to be a classical pianist, and I just wasn’t good enough. You’ve got to have that extra-special thing to be that good — and then to make it.

Don Airey

Ich habe in letzter Zeit selbst in ein paar Bands Keyboard gespielt und mich immer gefragt, welchen Raum der Keyboarder eigentlich bei Liveauftritten in Funk-, Blues- oder Rockbands einnimmt. Wo bringe ich meinen Sound so unter, dass ich die Vocals oder die Gitarren nicht störe oder überlagere? Deep Purple haben dem Orgelsound viel Raum gegeben, und du hast diesen Standard auch in den letzten fünfzehn Jahren fortgeführt. Kannst du uns mehr darüber erzählen, wo du in der Rockmusik deinen Raum für das Keyboard gefunden hast?
Dieser Raum befindet sich genau zwischen Bass und Gitarre. Meine Hauptaufgabe ist in erster Linie das Zusammenspiel mit dem Bassisten. (Der wiederum hoffentlich mit dem Schlagzeuger zusammenspielt.) Mit dem Bassisten muss ich wirklich gut zusammenspielen. Aber ich muss auch immer mit einem Ohr bei der Gitarre sein. Ich habe es immer so empfunden, dass ich für das Wohlergehen der Gitarristen zuständig bin, um das Beste aus ihnen herauszuholen. Sie sind diejenigen, die die ganzen Riffs spielen; ich kann auf dem Keyboard nicht wirklich Riffs spielen. Aber es stellen sich immer die Fragen: „Wie beginnen wir den Song?“, „Wie machen wir nach dem Riff weiter?“, „Was machen wir jetzt?“, und dann würde ich vielleicht die Bridge dazu beitragen. Das habe ich jedenfalls immer bei Ritchie [Blackmore] getan. Er hatte immer all diese tollen Ideen … und dann kam: „Hmm … und was jetzt?“ Dann schlug ich vor: „Wie wäre es damit?“ – Daraufhin wieder er: „Ja, das ist gut, ich versuche es einmal.“ [Lacht.]

Also bist du zum einen für die Rhythmusarbeit zuständig – fast wie bei einem Jazz-Trio – und fungierst zum anderen sozusagen als Klebstoff für die ganze Band.
Das Wort Klebstoff trifft es genau. Du musst einfach alles zusammenhalten. Und das beste Keyboard dafür ist die Hammond.

Erzähl uns doch bitte einmal etwas mehr darüber, denn du hast dich ja vielfach für einen solchen Einsatz der Hammond-Orgel ausgesprochen.
Es ist einfach ein sehr mysteriöses Instrument. Ich bin in erster Linie Pianist und dann erst Organist. Bei Jon Lord war es genau umgekehrt, das ist schon ein großer Unterschied.

Hast du bei der Orgel einen anderen Ansatz, da du ja in erster Linie Pianist bist?
Für die Hammond-Orgel braucht man einfach eine ganz andere Technik. Man muss nicht ganz so exakt sein wie auf einem Klavier, es gibt da mehr Spielraum. Bei der Hammond muss es richtig wild zugehen, und man lehnt sich geradezu in sie hinein, während man am Klavier immer Abstand hält. Mit der Hammond muss ich mich richtig in den Sound legen und sie zum Brüllen bringen. Das ist ein ganz besonderer Moment – so wie gestern Abend bei dem Konzert in Luxemburg, nach zehn Auftritten auf der Tour: Irgendwie spürte ich, wie die Hammond regelrecht abhob.

Vielleicht musst du dich auf die Orgel auch immer neu einstellen, so, wie du dann zu Hause wieder bei deinem Steinway ankommen musst.
Es ist nicht leicht, auf diesen Instrumenten zu spielen. Ein Steinway gibt dir immer etwas zurück, von der Hammond bekommst du rein gar nichts. Sie laugt dich komplett aus – und danach bist du ihr völlig egal! [Lacht.]

Und sie ruft morgens auch nicht an.
Nein, sie ruft morgens auch nicht an [lacht] – ganz genau! Wenn ich am nächsten Tag zurückkomme, kriege ich nur ein „Oh nein, nicht du schon wieder!“.

Diese Tour von Deep Purple wurde „The Long Goodbye Tour“ genannt. Wie definiert man eigentlich „lang“? Ja … [Lacht.]
Mir fällt dabei spontan der Film von Robert Altman ein. Elliott Gould. Ein Klassiker. Aber eigentlich sind Deep Purple an diesem Punkt ja auch schon eine richtige Institution … Genau, wir sollten auch einmal in einem Film mitspielen. [Lacht.]

Ist der Abschied denn jetzt endgültig?
Alle guten Dinge gehen auch einmal zu Ende, daher befinden wir uns jetzt sehr wahrscheinlich auf unserer Abschiedstour. Auf jeden Fall hatte ich bei Deep Purple den besten Job der Welt.

Wie haben Deep Purple dein Leben denn verändert?
Ich bekomme keine bösen Briefe mehr von der Bank, heute ist es umgekehrt. [Lacht.] Nein, im Ernst, es ist nicht immer ein leichter Job. Als Keyboarder denkst du dir normalerweise: „Wir haben jetzt vier Songs gespielt, jetzt dreh ich mal ein bisschen auf“, aber mit Purple ist es eher wie: „Oh mein Gott! Schon der nächste Song!“ Die jetzige Tour macht mich fertig, weil ich einfach so viel machen muss. Aber wenn es einfach ist, macht es keinen Spaß. Mit Purple hat es immer Spaß gemacht.

Aber du kannst deinen Part nicht einfach herunterleiern.
Nein, ich muss immer voll da sein. Aber das ist auch das Besondere daran: Wir sind einfach authentisch. Darum kommen auch immer noch so viele junge Leute auf unsere Konzerte, weil sie eine echte Band sehen wollen und wir ihnen nichts vormachen.

Was ist das Vermächtnis von Deep Purple?
Die Band hat in der Rockbewegung der frühen Siebziger Maßstäbe gesetzt, sie dabei aber auch weit für andere Elemente geöffnet. [Black] Sabbath und [Led] Zeppelin hatten dort ihre ganz eigene Nische, aber Purple haben die Musik für alles offener gemacht. Die Musik ist elastisch: Du kannst damit machen, was du willst. Wir waren mit ganzen Orchestern auf Tour. Die klassische Violinistin Lidia Baich spielte mit uns in Wien; ich habe für sie ganze Passagen geschrieben. Sensationell, eine hochrangige klassische Künstlerin steht mit uns auf der Bühne und bringt das Publikum zum Toben – mit Heavy Rock! Purple haben eine Menge Grenzen überschritten. Sie haben einfach alles durchlässig gemacht. Sie hatten Hits mit Pop, Rock und Orchester. Das ist schon etwas Besonderes. Jon Lord und Ritchie Blackmore haben zusammen einfach etwas Unglaubliches geschaffen.

Wie geht es jetzt für dich weiter?
Für mich persönlich? Wenn man mich fragt: „Denkst du nicht auch einmal darüber nach, dich zur Ruhe zu setzen?“, sage ich immer: „Ich denke an nichts anderes!“ [Lacht.] Ich möchte gerne noch mehr auf dem Klavier machen. Aber nach meinem lausigen Auftritt heute sollte ich mich wohl eher im Garten nützlich machen. Tatsächlich habe ich ein Album mit Klaviermusik gemacht, das aber erst später in diesem Jahr veröffentlicht wird, wenn sich der Wirbel um Purple etwas gelegt hat. Ja, ich möchte wirklich mehr Klavier spielen – mal sehen, ob ich es dann noch kann …
Es wird sicher geduldig zu Hause auf dich warten und dich willkommen heißen. Na hoffentlich. Ich werde auf jeden Fall den ganzen Sommer lang fleißig üben!

Dieser Artikel erschien ursprünglich in: Listen: Life with Music & Culture, dem preisgekrönten Magazin von Steinway & Sons.

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